Zenit
Am Boden der Tasche. Kopfhörer. Rasch schließe ich sie an. Drehe die Musik auf. Die eine Playlist. Das eine Lied. Falco dröhnt in meinen Ohren. Wien ruft. Eine Station noch. Herzklopfen. Glühende Vorfreude. Eine Verkündung. Die Prophezeiung: „Nächster Halt Wien Hauptbahnhof“. Endstation. Meine Hände zittern. Umklammere den Griff meines Koffers. Stelle mich an. Steige vorsichtig aus. Bahne mir meinen Weg.
Stehe plötzlich am Vorplatz. Kann wieder atmen. Fühle mich vogelfrei. Zügellos. Eine Träne purer Freude. Schwebe. Blicke in den Himmel. Bin da. Endlich. In Wien. Pulsierend. Schwingend zu den Takten des Donauwalzers. Nach Abenteuer, Liebe und Sachertorte duftend. Ein Teil von mir ist immer hiergeblieben. War weggesperrt. Zwei Jahre lang. Habe sie ersehnt. Die Erlösung. Die Ankunft. Spüre vollkommenes Glück. Liebe das Leben. Das großstädtische Flair. Eine vor Freiheit gellende Atmosphäre. Der Bus hält. Steige ein. Die Reise beginnt. Ins Zentrum Wiens. Gesprächsfetzten fliegen mir zu. Menschen steigen ein. Steigen aus. Lausche den Haltestellenansagen. Bei der nächsten muss ich raus. Der Koffer rollt über den Asphalt. Halte inne. Die Ampel ist rot. Es geht nicht weiter. Die letzten Monate stand alles auf Rot. Es hieß warten. Hoffen. Bangen. Es ist vorbeigegangen. Irgendwie. Grün. Es geht weiter. Immerzu. Freundlich werde ich begrüßt. Ein ansprechendes Hotel. Ein herrliches Zimmer. Modern. Chic. Lasse mich aufs Bett fallen. Schließe die Augen. Ein Hauch von Müdigkeit. Eine Bedrohung für meine Unternehmungslust. Kalte Dusche. Lieblingskleid. Nachricht. Treffpunkt Prater.
Werde erwartet. Am Eingangstor. Unter dem Schild. Goldene Schrift auf grünem Grund. Der Eintritt in eine andere Sphäre. Zuckerwattenduft. Musik. Lachen. Wiener Dialekt. Bin am Zenit des Lebens. Genau jetzt. Will auf Stopp drücken. Die Welt anhalten. Für immer diesen Moment spüren. Festhalten. Niemals loslassen. Die Liliputbahn ruckelt. Alles zieht vorbei. Ganz gemütlich. Gemächlich. Entschleunigt. Rührung überkommt mich. Will danke sagen. Ein Geständnis: Liebes Wien, danke für deinen unbändigen Charm. Deine Schönheit, deine Offenheit. Dein Durchhaltevermögen, deine Beständigkeit. Schenkst Hoffnung in schweren Zeiten. Danke, dass du mich immer willkommen heißt. Wien ich liebe dich. Von ganzem Herzen. Aus tiefster Seele. Werden uns in zwei Tagen verabschieden müssen. Bedauerlicherweise. Gebe dir ein Versprechen. Komme wieder. Werde bleiben. Für immer. Irgendwann.
