Plus Dreiundneunzig
Bunte Blätter. Unendlich viele. Es raschelt unter meinen Füßen. Blicke mich um. Die endlose Allee. Gesäumt von Bäumen. Herbstliche Melancholie legt sich übers Land. Eine Lehrstunde in Endlichkeit. Eine Parkbank. Einsam. Ich nehme Platz. Ein Windstoß. Fröstle und lausche. Der Klang der Natur. Rein, kraftvoll. Der Himmel ist ergraut. Fahl. Das Blau des Sommers ist gegangen. Du auch. Seit einundzwanzig Tagen. Endgültig.
Waren hier oft spazieren. Zu Beginn. Im goldenen Spätsommer. Vor einem Jahr. War die Neue. Hast dich zu mir gesetzt. Beim Essen. Wolltest wissen, wer ich bin. Anfangs Fremde, Kollegen. Bald Freunde, platonische Vertraute. Konnten reden. Über alles. Hab dir von meiner Familie erzählt. Von gebrochenen Herzen. Vom Sommer am See. Hast immer zugehört. Deine Hand um meine Schultern gelegt. Auf der Flucht hat man keine Freunde, sagtest du. Dein Blick war leer. Vom Krieg. Vom Terror. Vom Überleben. Das waren deine Geschichten. Schmerzlich. Ich musste oft schlucken. Schmecke ihn. Immer noch. Den bitteren Geschmack der Ungerechtigkeit. Wolltest alles nicht so schwernehmen. Hast viel gelacht. Warst zufrieden. Dankbar. Voll Hoffnung. So unbeschwert und leicht. Die Tage vergingen. Die freien. Die arbeitenden. Die ersten Schneeflocken. Sanft. Friedlich. Zuckrig -süßer Duft. Gebrannte Mandeln. Der Advent war angebrochen. Haben unsere Hände gewärmt. An heißen Tassen voll Kinderpunsch. Du trinkst keinen Alkohol. Glaubenssache. Hab dir Weihnachten erklärt. Und die Tücken der Grammatik. Der Deutschen. Der Englischen. Hast versucht mir schreiben zu lernen. In deiner Sprache. Die Winterruhe, vertrieben vom Frühlingserwachen. Es wurde wärmer. Du hast dich gefreut. Konntest wieder laufen gehen. Jeden Tag. Vor der Arbeit. Hab das nie verstanden. Unsere Leben waren im Einklang. Geräuschlos.
War im Dienst. An dem Tag. Hungrig. Konnte es nicht erwarten. Das Mittagessen. Warst im Stress. Unsere Blicke trafen sich. Es war anders. Sonderbar. Wolltest mir aus dem Weg gehen. Habe sie rasch erfahren. Die Schocknachricht. Verpackt in einen Brief. Wollte stark bleiben. Bin gescheitert. Kläglich. Haben alles versucht. Waren machtlos. Deine Zukunft. Zurück in den Angriff. Zurück in die Trümmer. Dein Schicksal. Bestimmt von Fremden. Eine Träne rollt über meine Wange. Greife in meine Jacke. Ein Taschentuch und ein Zettel. Zerknittert. Darauf eine Nummer. Ich wähle. Plus dreiundneunzig. Warte. Hoffe. Nichts. Sie haben entschieden. Dich abgewiesen. Dich getötet.
