Mistress
Baby, unsere Geschichten könnten ganze Bücher füllen. Bücher, die ich nie schreiben und du nie lesen wirst. Wieso fragst du dich? Weil jede einzelne Geschichte ein Messer ist, dass du mir ins Herz stichst. Hinterhältig. Kalt. Berechnend. Es sind Geschichten über das was ich Liebe nannte. Doch du lebtest sie als vogelfreies Abenteuer. Ungezwungen. Unüberlegt.
Hab jedes Gelübde geglaubt. Jeden Schwur aufgesogen. Jede Nacht mit dir als Erinnerung gespeichert. Archiviert. So wie unseren Chatverlauf. Die Texte voller Leidenschaft. Haltlosem Verlangen. Purer Begierde. Distanz war der Zügler, der Richter über unser Liebesspiel. Das Urteil - vernichtend. Haben uns belogen. Betrogen. Getäuscht.
Und nun? Leugnen unsere Geschichten. Leugnen jeden einzelnen Moment. Leugnen das wir uns je kannten. Liebten. Die Memoiren unserer Liebesgeschichte liegen versteckt auf dem Dachboden meiner Seele. Will ab und zu durchblättern. Stöbern. Mich kurz verlieren. Fallen lassen. Wie damals. Am ersten Abend in deine Arme. Arme die sich verlangend um meine Hüften legen. Mich ganz nah zu dir ziehen. Schweigend, durchdringend treffen sich unsere Blicke. Bis sich unsere Lippen berühren und der bittersüße Kuss die elektrisierende Spannung entlädt. Deine Hände streicheln zärtlich über meine Wangen. Ich verliere den Boden unter den Füßen. Mein Körper windet sich um dich als du mich ins Schlafzimmer trägst. Ich fühle die feine Satinbettwäsche auf meiner Haut und deinen warmen Körper auf mir. Der Beginn einer Nacht die sich in eine anmaßende Unendlichkeit verliert. Diese Unendlichkeiten, die kleinen Ewigkeiten in denen die Welt so vollkommen war. Als es nur uns beide gab. Baby, diese Zeiten sind schon so lange vorbei. Die Türen geschlossen. Versperrt. Die Schlüssel weggeworfen in den rauschenden Fluss des Weiterlebens. Deine Chancen flogen davon wie Federn im Frühlingswind. Du bist haltlos. Rastlos. Unentschlossen. Willst zurück was für immer verloren ist. Liebling, ich spiele dein Spiel nicht mehr mit. Setzte aus. Nicht bloß für eine Runde. Für immer. Ich brauche Liebe. Nähe. Vertrautheit. Naiv von mir, je bei dir danach gesucht zu haben. Damals als mein Herz noch unversehrt war.
Baby, ich habe gelernt mit den Narben zu leben. Zu lieben. Habe gelernt, dass man in eisig kalten Seelen keinen Halt finden kann. Habe gelernt scheinbare Herzenswäre nicht mit dem Fegefeuer der Lust zu verwechseln. Habe gelernt viel mehr zu sein als eine Geliebte in einsamen Stunden. Diese Erfahrung ist die Macht, die Kraft, mit der ich mich dir entgegenstelle. In den flüchtigen Momenten in denen ich mich in die Vergangenheit entführen lasse. Den Augenblicken in denen ich deine leidenschaftlichen Küsse auf meinem Körper spüre…
