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Kamille

Provinzen ziehen vorüber. Rasend schnell. Es ist vorbei. Geschafft. Endlich. Und doch schwingt er mit. Sanft. Unaufdringlich. Der Abschiedsschmerz. Der Zug rattert. Gleichmäßig. Vertraut. Mein Blick wird weich. Die Augen müde. Fallen zu. Kämpfe nicht dagegen an. Kenne die Strecke. Weiß wie viel Zeit mir bleibt. Zur Erholung. Zum Träumen. Sehe sie vor mir. Die Ankunft. Die Erste. Vor zwei Jahren. Ein Sonntag im November. Kalt und stürmisch. Ermüdet von der Anreise. Der fromme Wunsch, unkompliziert zur Unterkunft. Ein Taxi. In die Jahre gekommen. Ein formloser Check- In. Ein schmuckloses Pensionszimmer. Lasse mich auf das Bett fallen. Hier bin ich also. Das ist die Folge. Die Konsequenz einer Entscheidung. Einer Mutigen. Das wird anstrengend. Das du dir bloß nicht zu viel zumutest. Hast du dir das auch gut überlegt. Haben sie gesagt. Hab nicht darauf gehört. Zum ersten Mal. Hat sich gut angefühlt. Zu gut.


Begehre ein letztes Mal auf. Gegen die Müdigkeit. Koffer ausräumen. Duschen. Ich friere. Kuschle mich unter die Decke. Nippe an meinem Tee. Kamille. Atme einen Hauch Kindheit ein. Mein Blick verharrt. Die Tapete. Blumenmuster. Kitschig. Altmodisch. Ehrlich ich habe keine Ahnung. Weiß nicht was mich erwartet. Studiere ab morgen. Berufsbegleitend. Ein Wechselspiel. Zwischen Praxis und Theorie. Zwischen Ernst und später Jugend. Alle drei Monate. Über zwei Jahre hinweg. Schlafe in dieser Nacht ruhig. Unaufgeregt. Die Ansage des nächsten Bahnhofs. Das Nachsinnen weicht der Gegenwart. Die Ankunft. Sie ist noch so klar. Festgewachsen in den Erinnerungen. Ein Lächeln taucht auf. Diese erste Nacht. Der erste Schritt. Der Anfang. Vieles folgte darauf. Neue Individuen. Neue Erkenntnisse. Neue Perspektiven. Eine wunderbare Zeit. Ein großartiger Abschnitt. Seit gestern gehört er der Vergangenheit an. Der Druck ist weg. Die Prüfungen bestanden. Das Diplom in Händen.


Schön waren die letzten beiden Jahre. Aufregend, doch ohne Tragik. Spannend, doch ohne Desaster. Eine weitere Etappe geschafft. Ein Level weiter. Im Spiel des Lebens. Ein Glücksspiel. Bin unverdrossen. Sorglos und hoffnungsfroh. Geringfügig vertrauensselig. Gerade ist alles gut. So mühelos. Ungekünstelt. Als schien die Sonne mir beständig ins Gesicht. Die wärmenden Strahlen. Das reine Licht. Meine Wachsamkeit. Unvollkommen. Ein Gewitter zieht auf. Am Horizont.  Trübe Wolken. Vereinzelt, grell zuckende Lichtmomente. Dunkelheit und Finsternis. Vom Winde getrieben. Es kommt auf mich zu. Unmittelbar.

Kamille
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