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In Balance

Achtunddreißig Grad im Schatten. In der linken Hand ein Tablett. Schwer. Voll mit Getränken. Rechts zwei Melange. Zwei Wassergläser. Zwei Kekse. Behutsam weg vom Schanktresen. Balance halten. Gegenverkehr. Gäste, Kinder und Hunde. Knarrende Holzbalken. Eine spärliche Stiege. Er kassiert Tisch achtzehn. Mein Kollege. Ein Anblick! Betörend. Anziehend. Dieser Mann. Geheimnisvoll und athletisch. Dunkle Haare. Tiefbraune Augen. Ein Lächeln, dass…


Scheiße! Der Kaffee schwappt über. Gerade noch rechtzeitig. Finde das Gleichgewicht wieder. Als wäre nichts gewesen. Gehe weiter. Tisch elf. Werde den Kaffee los. Am neuner will man zahlen. Zwölf will noch ein Bier. Zwei große Apfelsaft? Ratlosigkeit. Blicke mich um. Im Gastgarten. Brechend voll. Das Paar oben links winkt. Ja genau. Dahin muss ich. So geht das weiter. Den ganzen Tag. Jeden Tag. Kein Problem. Ich mache das gerne. Wir alle. Ein Team. Eine Familie. Viel mehr als das.


Irgendwann habe ich Pause. Ein Salat und ein großes Glas Holundersaft. Alles steht bereit. Draußen auf dem kleinen Holztisch. Abseits des Getümmels. Prickelnd spüre ich die Kohlensäure. Vermischt sich mit der verlockenden Süße. So fühlt es sich also an. Das pure Lebensglück. Will es festhalten.  Konservieren.  Die Vergangenheit damit überschreiben. Die Irrtümer und Fehlschläge. Die missglückte Liebesgeschichte. Die keine war. Hab meine Gefühle offengelegt. Eine Antwort bekommen. Eine irrwitzige. Irrsinnige. Wir sind eher Freunde. Hat er geschrieben. Fabelhaft. „Eher“. Da weiß man doch sofort, woran man ist. Enttäuschend. Aber auch zum Lachen komisch. Egal. Das ist vorbei.


Ich zucke zusammen. Schrecke auf.  Bekomme Gänsehaut. Mir läuft es kalt den Rücken hinunter. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Eiswürfel. Zwischen sonnengebräunter Haut und Bluse. Das kalte Wasser läuft langsam hinunter. Höre die Kollegen lachen. Hinter der Ecke. Stehe auf. Schwöre Rache. Dann wird weitergearbeitet. Gäste versorgen. Umsorgen. Mag die Worte nicht. Sorge. Das passt nicht. Nicht hier an diesem Ort. Ein Lachen umspielt meine Lippen. Bin glücklich. Vollkommen.


Genieße jeden Moment. Vom schüchternen Sonnenaufgang bis die Sonne selbstsicher, anmaßend verschwindet. Hinter den Bergen. Rosa, orange leuchten die Gipfel. Dann ist sie weg. Dämmerung und abendliche Kühle legen sich über unser Eldorado. Bald ist er vorbei. Der Sommer am See. Wir werden weiterziehen. Einzeln. Die Erinnerung wird bleiben. Für immer. Ein Nachruf an den Sommer. Den einen.

 

In Balance
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